26.05.2018 | Schlagstöcke und Pfefferspray beim Pokalfinale in Erfurt

Komm doch ...

AUSGANGSSITUATION
Das Pokalfinale zwischen der BSG Wismut Gera und dem FC Carl Zeiss Jena im Steigerwaldstadion war - vor dem Hintergrund einer möglichen gemeinsamen Anreise der Fangruppen – von Anfang an eine Herausforderung für die Polizei. Beide Fangruppen sind verfeindet, was eine Aktion der FCC-Fans vor dem Finale noch einmal deutlich machte (Landespolizeiinspektion Gera). Der Boykott der Jenaer Fans entspannte die Sicherheitslage bei der Anreise nur teilweise, da mit Angriffen des Zugs gerechnet werden musste. Doch alle Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Sowohl bei der Anreise als auch während des Spiels im Steigerwaldstadion kam es zu keinerlei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Um so überraschender war es, dass die Situation bei der Abreise der BSG-Fans eskalierte.

DIE EREIGNISSE AUS SICHT DER POLIZEI
"Nach dem Spielende kam es bei der Rückreise mit den Shuttlebussen auf Seiten der Geraer Fans zu massiven Übergriffen auf die Polizeikräfte. In der Folge wurde durch die Polizeikräfte Pfefferspray und der Schlagstock eingesetzt, um die Lage zu beruhigen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurden insgesamt 84 Personen einer Identitätsfeststellung unterzogen. Gegen Teile dieser Personen wird nun u.a. wegen Landfriedensbruch und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt. Im Rahmen des Einsatzes wurden vier Polizeibeamte sowie 13 Geraer Fans verletzt", heißt in der Pressemitteilung der Polizei vom 21. Mai.

REAKTIONEN DER PRESSE
Die OTZ veröffentlichte zeitnah einen – Bezug auf die Pressemitteilung der Polizei – nahezu wortgleichen Artikel in ihrem Online-Angebot. Es folgten MDR, TAG24, Thueringen24 und Landeswelle. Auffällig war bei allen Veröffentlichungen, dass es keine eigens recherchierten Inhalte gab, sondern ausschließlich die Aussagen der Polizeimeldung in mehr oder weniger gekürzten Form wiedergegeben wurden. Mit journalistischen Grundsätzen dürfte dies kaum vereinbar sein, schließlich heißt es im Pressekodex, dass die „Recherche ein unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt ist“.

In den sozialen Netzwerken – insbesondere bei der OTZ Gera – wurden die Veröffentlichungen intensiv diskutiert und kritisiert. Darauf reagierte die OTZ und veröffentlichte einen aktualisierten Bericht mit neuen und nun eigens recherchierten Inhalten. So informierte die Redaktion ihre Leser, dass „die Beleidigung eines Polizeibeamten durch einen Geraer Fan“ der Auslöser für einen Einsatz mit 17 verletzten Personen war. „Bei einer Personenkontrolle sollte die Identität des Fans festgestellt werden“, wird Polizeisprecherin Julia Neumann in der OTZ zitiert. „Daraufhin kam es zur Solidarisierung durch Geraer Fans, so dass der Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken notwendig wurde.“

DIE EREIGNISSE AUS SICHT DER BETEILIGTEN WISMUT-FANS
Erstmals erfährt der OTZ-Leser im aktualisierten Artikel auch, dass es seitens der Geraer Anhänger teils heftige Kritik am Einsatz der Polizei gibt. Dabei hatte bereits 120 Minuten vor der Pressemitteilung der Polizei die Fanszene auf ihrem Facebook-Account über die Ereignisse informiert. „Danke an die Thüringer Landespolizei die den völlig friedlichen Tag und Auftritt der Gerschen Anhänger an den Shuttlebussen minutenlang völlig eskalieren liesen und auf wirklich alles was sich bewegt munter drauf einkloppten“, heißt es bei Wismut Fanzine Online. In den Kommentaren wird kritisch hinterfragt, wie es bei nur einer anwesenden Fanszene derart eskalieren konnte. Ein weiblicher Fan berichtet, dass beim Einsatz auch „Kinder, Frauen und Behinderte“ betroffen waren. „Wenn man einen fragte, hieß es, uns egal, selbst schuld wenn sie mit zum Fußball fahren“, so die Facebook-Nutzerin.

Die OTZ blieb am Thema dran und recherchierte weiter. So suchte die Redaktion Kontakt mit einem beteiligten Fan, der Videos des Polizeieinsatzes aufgenommen hatte. „Eine weitere Szene zeigt, wie Fans im nahen Shuttlebus, der sie zum Bahnhof bringen sollte, unter Atemnot leiden. Ein junger Fan liegt an der geöffneten Tür – Polizisten verhindern, dass die Businsassen an die frische Luft kommen. Sie husten, einige haben tiefrote Augen und beschimpfen die Beamten, weil diese sie nicht aussteigen lassen“, informiert Tino Zippel in der OTZ vom 26. Mai.

FRAGEN AN EINEN BETEILIGTEN
Um einen Einblick in die Sichtweise der Betroffenen zu bekommen, haben auch wir mit einem betroffenen Fan der BSG Wismut Gera gesprochen. Aus Angst vor Repressalien haben wir den Name geändert.

Wie entstand die Situation?
Marco Günther: Nachdem wir den Stadionbereich verließen, wurden einzelne Personen wegen der Pyroaktion von den Beamten angesprochen, sie sollen doch bitte kurz folgen. Alle diese Personen verhielten sich kooperativ und es blieb am Stadioneingang meines Wissens alles ruhig. Da ich die Gruppe, die schon am Shuttlebus wartete, informieren wollte, dass sich die Abfahrt noch etwas verzögert, ging ich Haltepunkt der Busse. Kurz davor angekommen sah ich einen Wismutfan, der von ca. 8 Beamten wegen Beleidigung eines Beamten abgeführt wurde. Die Situation war daraufhin etwas angespannt, doch letztendlich gelang es uns die Fans zu beruhigen und sie dazu zu bewegen, schonmal zu den Bussen zu gehen und dort zu warten, bis alle eingetroffen sind.

Das klingt noch nicht nach Eskalation. Was passierte dann?
Marco Günther: Ich verblieb hinter der Polizeikette, um Blickkontakt zu den anderen Personen am Stadioneingang halten zu können. Plötzlich gab ein Beamter die Anordnung: „Helme auf, wir gehen rein!" Es waren ca. 30 Beamte, die sich sofort ihre Helme aufsetzten und in die Gruppe gingen, um dort eine Person regelrecht rauszureisen. Die anderen Beamten versuchten unter Einsatz von Schlagstöcken und schließlich auch von Pfefferspray zeitgleich, die weiteren Fans in den Bus zu drängen, wo sich in den Moment schon die weiblichen Fans und eine Rollstuhlfahrerin befand. Die Situation eskalierte nun völlig. Ich rannte zum Bus und sah wie am Ende des Busses ein Beamter einen Fan hinterrücks nach vorne stieß. Als dieser sich herumdrehte, um zu sehen was oder wer das war, stand der Beamte in typischer Boxerhaltung vor ihm und signalisierte dem Fan "Komm doch her". Sein Kollege, der direkt neben ihm stand, bekam dies ebenfalls mit und schrie seinen Kollegen an, dass er jetzt mal ruhig bleiben soll, woraufhin sich dieser langsam wieder entspannte. Ich wollte mich gerade umdrehen, um wieder zum vordersten Teil des Busses zu schauen, da sah ich im Augenwinkel wie ein Beamter direkt auf dem Bordstein zum Gleisbett einem Fan hinterherrannte und versuchte, mit einem Tritt, ihm die Beine wegzuziehen. Dem konnte der Fan noch ausweichen, jedoch nicht dem Schlag des Beamten mit der linken Hand, welcher von hinten den Fan traf und ihn mit dem Gesicht ins Gleisbett stürzen lies. Sofort warfen sich 3 Beamte auf ihn. Einer fixierte sein Füße in dem er die Beine anhob und überkreuzte. Ein zweiter Beamte kniete auf dem Rücken und der Dritte drückte den Kopf des Mannes in den Bahnschotter des Gleisbettes. Als der Fan seinen Kopf zur Seite drehte, um Luft zu bekommen, fixierte und drückte der Beamte am Kopf noch einmal nach. Ich sah nur noch das Blut aus dem Mund des Fans laufen, bevor sie ihn hochhoben und abführten.

Später gab es einen erneuten Einsatz von Pfefferspray. Warum?
Marco Günther: Die Fans, die noch vor dem Stadion gewartet hatten, kamen am Abfahrtspunkt an und wollten über die Straßenbahnschienen zu uns und zu den Shuttlebussen. Sofort formierten sich die Beamten auch vor Ihnen. Man war getrennt durch die Straßenbahnschienen und jeweils eine Reihe Beamter vor jeder Gruppe. Die Beamten auf unsere Seite versuchten dann uns wieder in den Bus zu drücken, welcher immer noch mit Pfefferspray vollgenebelt war. Als dies nicht schnell genug ging, begann die Polizei Zwang anzuwenden. Es wurde geschubst, gedrückt, geschlagen und getreten. Dies gipfelte schlussendlich mit einem erneuten Pfeffersprayeinsatz, auch in den Bus hinein.
Irgendwann hatte es dann auch der letzte Beamte begriffen, dass wir mit dem Bus nicht zum Bahnhof fahren können, und langsam konnten alle Fans das Innere des Busses wieder verlassen. Einige der Aussteigenden wurde sofort von der Polizei abgeführt unter der Begründung des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Das es aber nun mal ein Instinkt eines jeden Menschens ist, in so einer Situation an die frische Luft zu kommen, war den Beamten völlig egal.


Wie kam es zu erkennungsdienstlichen Behandlung einer so großen Gruppe?
Marco Günther: Die Situation bei uns beruhigte sich nun wieder und nach ca. 5 Minuten trat der befehlshabende Beamte, welcher sich vorher zu keinem Zeitpunkt zu erkennen gab, nach vorn und eröffnete uns die Mitteilung, dass wir nun alle eine erkennungsdienstliche Behandlung erhalten, um weitere Straftaten aufzudecken, welche auf Filmmaterial festgehalten sein sollen. Hierzu reichte als kurze Begründung das Tragen des einheitlichen Mottoshirts. Kurios dabei, auch die Personen ohne dieses Shirt an dem Prozedere teilhaben mussten. Nach einer Stunde war dies dann beendet und wir wurden mit einem neuen Bus zum Bahnhof eskortiert, wo die Insassen des anderen Busses auf uns warteten.

DIE REAKTION DES VEREINS
Der Vorstand der BSG kritisierte in einer Stellungnahme die fehlende Recherche in den Medien und will sich in den Tagen nach dem Pokalfinale ein genaueres Bild verschaffen. Dazu wurden die Beteiligten aufgefordert, Berichte, Videos und Fotos an den Verein zu übermitteln. „Wenn ein Einsatz derart eskaliert, dann kann nicht alles richtig gelaufen sein. Erste Videos, die uns vorliegen und einen Pfeffersprayeinsatz in einem gefüllten Bus zeigen, werfen Fragen auf. Wir haben aus den zahlreichen Gesprächen der letzten Stunden ein erstes Bild gewinnen können, welches wir mit Eurer Mithilfe vervollständigen wollen“, heißt es auf der BSG-Internetseite.

STELLUNGNAHME DER WISMUTSZENE 51
Drei Tage nach den Vorfällen veröffentlichte die WismutSzene 51 eine Stellungnahme, die auch – im Gegensatz zur Pressemitteilung der Polizei - selbstkritische Passagen enthält. „Doch dann waren vereinzelte Anhänger aus den „eigenen Reihen“ der Meinung sich gegenüber der Polizei profilieren zu müssen und beleidigten diese. Als das Maß irgendwann überzogen wurde griff die Polizei ein und stellte die einzelnen Täter“, heißt es dort und weiter: „Vorerst kann man der Polizei keinen Vorwurf machen, schließlich ist es deren gutes Recht sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden.“

Kritisiert wird der Pfeffersprayeinsatz im Shuttlebus. „In diesem Bus befanden sich wohlgemerkt hauptsächlich diejenigen, die mit den gewaltsamen Auseinandersetzungen nix zutun haben wollten. Auch auf Frauen und Kinder mit dem Schlagstock einzuschlagen, steht hier in absolut keinem Verhältnis. Und das nur, weil diese Personen nicht in den Bus gehen konnten, wie von der Polizei gefordert, weil der gesamte Eingangsbereich mit am Boden liegenden Leuten voll war“, so die Fans der BSG Wismut Gera. Zu den Verletzungen heißt es, dass zwei Fans ins Krankenhaus gebracht werden mussten, ein Fan einen Zahn verlor und zusätzlich waren in vielen Gesichtern „die Spuren des Hasses der Polizei“ zu sehen.

In der Stellungnahme listen die Fans ihre Kritikpunkte am Einsatz der Polizei auf:
1) Fans die schlichten wollten, wurden aus dem Nichts heraus, bedroht und körperlich angegriffen.
2) Fans, die anderen helfen wollten, wurden bedroht und körperlich angegriffen.
3) Fans, die zu Ihrer Familie wollten, wurden bedroht und körperlich angegriffen.
4) Fans, die sich um minderjährige, die eigenen Kinder oder Geschwister kümmern wollten, wurden bedroht und körperlich angegriffen.
5) Fans, die am Bus auf andere warten wollten, wurden bedroht und körperlich angegriffen.
6) Die Versorgung mit Lebensmitteln am Bahnhof war erst nach ellenlangen Diskussionen möglich.
7) Kommunikation mit der Polizei schlichtweg unmöglich.
8) Der SKB bzw. ein Einsatzleiter stand nicht zur Verfügung.

FAZIT
Gibt es doch eine SKB-Datenbank in Thüringen?
Nachdem in den letzten Tagen der Datenschutz viel diskutiert wird, scheint die erkennungsdienstliche Behandlung aller Wismut-Fans mit einem orangenen Mottoshirt-Träger – unabhängig davon ob sie gegenüber der Polizei gewalttätig oder beleidigend in Erscheinung getreten sind - in der Betrachtung etwas zu kurz zu kommen. Wozu werden diese Daten von Unbeteiligten benötigt? Werden diese Daten nach Abschluss der Ermittlungen und der Identifizierung der Gewalttäter wieder gelöscht oder werden damit die umstrittenen Datenbanken der Polizei erweitert. Diese wurden 2015 durch eine Anfrage an die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen sowie die Recherche des Magazins „Sport Inside“ öffentlich. Während die Datei „Gewalttäter Sport" alle Personen enthält, gegen die im Zusammenhang mit Fußballspielen ermittelt wurde, ist die sogenannte SKB-Datenbank deutlich umfangreicher. Die Akten enthalten Berufsinformationen, Personenbeschreibungen, Aufenthaltsorte, Fahrzeugdaten oder gar die Funktion in der Fangruppe. Um in der Datei zu landen würde es laut der NRW-Landesregierung ausreichen, „bei Sportveranstaltungen anlassbezogen in Erscheinung getreten" zu sein. Das kann auch eine Feststellung der Personalien im Umfeld eines Fußballspiels sein, wie dies im Rahmen des Pokalendspiels erfolgte.

Laut Protokoll der 43. Sitzung im Thüringer Landtag vom 25. Februar 2016 soll es eine derartige Datenbank in Thüringen nicht geben. „Überlegungen, eine zusätzliche Datei einzuführen, welche erweiterte Daten über Angehörige der Fußballszene enthält, wurden bereits im Jahr 2008 aus datenschutzrechtlichen Gründen verworfen“, erklärte Staatssekretär Götze. Doch wie passt dies mit der Aussage der Polizei zusammen, dass 45 Risikofans aus Gera und Umgebung unter den 270 Wismut-Fans, die mit dem Zug anreisten, gewesen sein sollen. Woher stammt die Zahl 45? Noch 2017 hatte das Thüringer Ministeriums für Inneres und Kommunales auf eine Anfrage der Abgeordneten König geantwortet, dass nach derzeitigen Polizeierkenntnissen sind 27 Personen der aktiven Fanszene (Ultras und Hooligans) dem Verein "BSG Wismut Gera" zuzuordnen sind. „Zwei dieser Personen sind als "Gewalttäter Sport" gelistet“, so das Ministerium im Januar 2017. Wenn also „nur“ zwei „Gewalttäter Sport“ aus dem Umfeld der BSG in der Datenbank gespeichert sind, wie konnten dann 17 % der Zugreisenden als Risikofans identifiziert werden.

All diese Widersprüche hätten Anlass für die Presse sein müssen, um nachzufragen. Doch eine Recherche fand vor der Veröffentlichung der ersten Berichte nicht statt, vielmehr haben die Medien die notwendige Distanz vermissen lassen und die Daten sowie Aussagen der Polizei ungeprüft übernommen. Dies widerspricht journalistischen Grundsätzen, weil die Recherche die Grundlage einer jeder Veröffentlichung sein sollte. Die zahlreichen Clicks auf die „Randale“-Artikel haben sich die Redaktionen mit verloren gegangenen Vertrauen in die Pressearbeit teuer erkauft. Einzig die Ostthüringer Zeitung hat nach den kritischen Stimmen reagiert und innerhalb der Fanszene recherchiert.

Thema:    BSG Wismut Gera
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